Wir laden "Tschernobylkinder" ein

 

 

 

 

 

 

 

 

"Tschernobylkinder", dieser Begriff hat sich für unsere Gäste eingebürgert, obwohl unsere Gastkinder aus Weißrussland stammen. Der Name resultiert aus der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat.


Es waren nicht nur die Menschen in der unmittelbaren Umgebung betroffen. Radioaktive Wolken regneten über der gesamten nördlichen Halbkugel ab. 70 Prozent der durch flüchtige Nukliden und Brennstoff-partikel radioaktiv belasteten Gebiete liegen aber in Russland, der Ukraine und Weißrussland.


Dort leiden auch die Folgegenerationen noch unter der Katastrophe - vor allem gesundheitlich.

Die Tschernobilkinderhilfe Minden, kurz TKHM genannt, lädt seit 2003 jährlich ca. 40 weißrussische Kinder zu einem dreiwöchigen Erholungs-aufenthalt ein. Kinder, die in Regionen aufwachsen, die immer noch radioaktiv belastet sind. Diese Kinder benötigen den Erholungsauf-enthalt bei uns zur Stabilisierung ihrer geschwächten Gesundheit.

Möglich ist dies durch ein völkerrechtliches Abkommen über die "Rahmenbedingungen der Gesundung von Kindern im Ausland" zwischen Belarus und Deutschland.


Die Lebenssituation der Gastkinder unterscheidet sich häufig von unseren, weil die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse stark von unseren abweichen.

Nach Perestroika und Glasnost hat sich die ökonomische Situation in Belarus durch wachsende Inflationsraten und Arbeitslosigkeit, Niedrig-löhne, Versorgungsengpässe und ein marodes Gesundheitssystem zunehmend und dramatisch verschlechtert.

 

Entsprechend ist die Lebenslage vieler Familien bedrückend.             Die gesundheitlichen Schäden der Kinder nehmen vor allem durch ständige Aufnahme radioaktiv belasteter Nahrung zu und werden   durch unzureichende medizinische Versorgung noch verstärkt.     Armut, beengte Wohnverhältnisse, unzulängliche und/oder einseitige Ernährung, Krankheitsanfälligkeit, politische Repressalien durch Bürokratisierung, staatliche Überwachung und eingeschränkte Meinungsfreiheit, Zukunftsängste (besonders Angst vor Arbeitslosigkeit und Krankheit) kennzeichnen den Alltag vieler Familien. Viele zerbrechen daran: Die Scheidungszahl ist hoch, der Alkoholmissbrauch ein zunehmendes Problem. So muss man damit rechnen, dass das Gastkind vielleicht schon viel Trauriges und Negatives erlebt hat.

 

Vor diesem Hintergrund ist leicht zu ermessen, wie nötig ein “Tschernobylkind” den Aufenthalt bei uns hat: Es braucht Erholung    für Körper, Geist und Seele.

 

Zwischen den Gastfamilien und den Gastkindern, einschließlich deren Familien, entwickelt sich meist sehr schnell ein herzliches Verhältnis.

 

Im Folgenden finden Sie eine Aufstellung von Erfahrungen, die das dreiwöchige Zusammenleben mit dem jungen Gast vereinfachen und vielleicht noch unentschlossenen, potentiellen Gastfamilien die Entscheidung, auch einmal ein oder zwei Kinder aufzunehmen, erleichtert.


Wir wünschen uns für die Kinder

eine entspannte Familienatmosphäre. Dazu zählt auch die                     Vorbereitung der eigenen Kinder auf die zeitlich begrenzte neue Familiensituation.

Zuwendung, Vertrauen und die Vermittlung von Sicherheit. Aber -falls erforderlich- auch Ermahnung und Konsequenz.

Regelmäßigen Kontakt der Gasteltern mit den Betreuerinnen und den anderen Kindern der Gruppe.

Interesse am Heimatland des Kindes.


Soviel frische Luft wie nur möglich, auch bei nicht so gutem Wetter!!

 

In der Freizeit sind Spielen, Bewegung in frischer Luft und ein Besuch im Schwimmbad sehr beliebt. Viele Gastkinder behaupten, dass sie schwimmen können. Häufig hält diese Aussage einer Überprüfung aber nicht stand. Bitte überzeugen Sie sich davon, dass das Kind auch wirklich schwimmen kann!

 

Fahrradfahren ist besonders für Kinder aus ländlichen Regionen eine große Gefahrenquelle – sie sind mit unserem Straßenverkehr völlig überlastet. Radfahren deshalb bitte nur unter Aufsicht und in Ihrer Begleitung.

 

Der Fernsehkonsum sollte das Normalmaß nicht übersteigen. In Belarus läuft der Fernseher in vielen Familien ständig!

 

Unsere Gäste genießen es, wenn sie ausschlafen dürfen. Durch beengte Wohnverhältnisse, ständig laufenden Fernseher und Schulunterricht (teilweise bis in die Abendstunden) oft zu kurz kommt. wird.

 

Die Kinder kennen viele unserer Speisen nicht und sind manchmal sehr vorsichtig mit dem Probieren. Dies gilt besonders für unsere Gemüsezubereitungen. Die Kinder kennen Gemüse meist nur als Rohkost oder Salat. Beliebt, weil bekannt, sind Tomaten und Gurken. Grundsätzlich sollte gelten: Probieren und Kosten ist Pflicht! Statt Süßigkeiten lieber Obst, statt Cola oder Limonade lieber Obstsäfte und Milch.

 

Wir werden oft gefragt: Was können wir den Kindern Gutes tun? Unsere Antwort: Ihre Gastfreundschaft ist das wertvollste Geschenk!

Soll es darüber hinaus noch etwas sein, dann sind z.B. gut erhaltene Kleidung, Schuhe, Schulmaterialien, Spiele, Rucksäcke oder Sporttaschen hilfreich. Bitte machen Sie deutliche Unterscheidungen zwischen Geschenken und Dingen, die während des Aufenthaltes hier nur benutzt werden können. Besonders jüngere Kinder möchten solche “Leihgaben” beim Abschied gerne mitnehmen und sind enttäuscht, wenn das nicht geht.

 

Nicht alle Kinder sind mit unseren sanitären Anlagen vertraut. Stadtkinder kennen sich meist damit aus, aber für Kinder aus einem Dorf, wo das Wasser aus einem Brunnen geholt wird und das “Häuschen mit Herz” im Garten steht, sind sie fremd. Das Erklären unserer Armaturen (Einhebelmischer) und der Umgang mit den im WC üblichen Utensilien (gebrauchtes Toilettenpapier nicht in den Mülleimer) sind oft erforderlich, um peinliche Missverständnisse zu vermeiden.

Nicht jeder Haushalt in Belarus verfügt über eine Waschmaschine. Die Kinder waschen Ihre Sachen deshalb häufig von Hand und hängen sie über die Heizung. Hinweise, dass bei uns die Waschmaschine Unterwäsche und Strümpfe wäscht und sie oft wechseln können, sind hilfreich.

 

Bei Schwierigkeiten jedweder Art nehmen Sie bitte sofort Kontakt mit den Betreuerinnen oder einem Vorstandsmitglied auf. Wir finden dann eine gemeinsame Lösung.