Erfahrungsberichte unserer Gasteltern aus dem Sommeraufenthalt 2011

 

 

Kennen Sie das?

 

Sich ganz spontan für etwas entscheiden

und wissen, dass es gut ist ?


So geschehen bei uns am 14.o4.2011 nach der Lektüre des Mindener Tageblattes. Die Tschernobylkinderhilfe sucht Gasteltern für drei Wochen im Juni. Na, denen kann doch geholfen werden! Ein kurzes Telefonat mit Herrn Schülke und schon war der Juni verplant!

 

Am Infoabend konnten wir leider nicht teilnehmen, da wir in Urlaub waren. Also haben wir Heiko gefragt: was sollen wir beachten? Seine Antwort: nicht zu sehr verwöhnen – alles andere ergibt sich von selbst! Gut, das passte in unseren Umgangsstil mit Enkelkind und Ex- Aupair - Mädchen. Unser Enkelkind L. ist 6 Jahre und freute sich „auf das Mädchen, das uns in den Ferien besucht“ und unser ehemaliges Aupair-Mädchen F. (mittlerweile Studentin) stellte großzügig ihr Zimmer zur Verfügung.

 

Der Anreise-Sonntag kam und Y. auch. Wie mag sich ein Kind fühlen, welches zum ersten Mal in ein völlig fremdes Land zu völlig fremden Menschen mit fremder Kultur und Sprache fährt? Mit zum Teil fremden Betreuern und unbekannten Kindern? Ich kann es nicht nachvollziehen – bin nach wie vor sehr beeindruckt, wie die Kinder das meistern!

 

Die Aufregung war groß. Wie sieht Y. wohl aus? Spielt Sie mit Barbie? Spricht Sie Deutsch oder Englisch? Was mag Sie essen?

 

Der Empfang am Bus war eher knapp, da wir den ersten Anruf überhört hatten (Heiko nimm nächstes Mal die Handy-Nummer!) und so ein paar Minuten nach Ankunft des Busses eintrafen. Nachdem wir mit Eintrittskarten für Schwimmbad und Bus ausgestattet waren, einen ersten netten Kontakt mit einer Gastmutter aus der Nachbarschaft geknüpft hatten, ging es los Richtung zuhause und Frühstück.

 

L. hat Y. ihr Zimmer gezeigt und die Gästetoilette. Danach hat unser Ferienkind ausgepackt. Das ging ziemlich schnell, denn in einer Reisetasche, aus der ein großer Schuhkarton mit Geschenken gezaubert wird, ist nicht mehr viel Platz für anderes.

 

Nach dem Frühstück ein Anruf zuhause. Es flossen ein paar Tränen, die sicher dem Heimweh und der 25-stündigen Busfahrt geschuldet waren. Aber etwas war noch nicht richtig! Y. war unruhig und irrte im Haus umher! Selbst mit Wörterbuch war nicht heraus zu bekommen, was los war. Aber es gab ja noch die Telefonnummern der Betreuerinnen. „Telefon – Olga!“ wurde in den nächsten Tagen ein geflügeltes Wort! Was war das Problem für die Unruhe? Y. suchte eine Uhr! Da bei uns nirgends eine Uhr an der Wand hängt, sondern im Wohnzimmer auf der Fensterbank steht (und in diesem Fall dummerweise der Fernsehsessel davor gerutscht war), konnte Y. sich nicht orientieren! Problem erkannt – Problem gebannt!

Zwei Stunden später dasselbe Phänomen! Y. unruhig und im Haus unterwegs! Diesmal waren wir schlauer und haben sofort zum Telefon gegriffen! „Telefon – Olga!“ Auch dieses Mal war das Problem binnen Minuten zu lösen! L. hatte mit Y. das Haus angeschaut – aber aus irgendeinem Grund die Badezimmer ausgelassen. Unser Ferienkind dachte, dass es sich drei Wochen in unserem kleinen Gäste-WC waschen müsste!

Am Ende der drei Wochen konnten wir über diese Episoden herzlich lachen, aber welche Ungewissheit in dem Moment bei Y.?

 

Das Sprachproblem blieb noch für einige Zeit bestehen, da Y. zwar viel gelächelt, aber nicht gesprochen hat. Wir haben es mit Übersetzungen im Internet probiert - die haben nur noch mehr Verwirrungen gestiftet! Wenn Wörterbuch, Internet und Zeichensprache nicht halfen, dann blieb immer nur: „Telefon – Olga!“. Natürlich haben wir nicht nur mit Olga telefoniert! Alle drei Betreuerinnen hatten immer ein offenes Ohr und vor allem die richtigen Worte! Vielen Dank dafür!

 

Stichwort „Worte“. Es hat ein bisschen gedauert, aber als die Email-Leitung Richtung Belarus stand, war von Heimweh nichts mehr zu spüren! Jeden Abend ein „Martina! Ich schreibe Papa! Ja?“ und zehn Minuten später sprangen ein oder zwei oder noch mehr Kinder fröhlich durchs Haus. Ein oder mehrere, weil unser Enkelkind und immer mal wieder ein anderes Gast-Kind hier geschlafen hat!

 

Auch deshalb unschätzbar wertvoll: eine andere Gastmutter in der Nähe! Da ich den einen oder anderen Außentermin hatte, war ich äußerst dankbar für die Betreuung von unserem Ferienkind. Wir haben uns in den drei Wochen gut ergänzt und so manche Terminklippe elegant umschifft.

 

Ach ja, Klippe und Schiff! Y. und wir sind für nächstes Jahr verabredet. Dann fahren wir dorthin, wo Y. immer sehnsüchtig drauf geschaut hat (Postkarte)- zum Leuchtturm auf den Klippen – wo immer er steht!

 

Wir freuen uns auf nächstes Jahr! Und wissen schon jetzt, dass es gut wird!

 

Martina Höfel