Zwei Gastväter besuchen ihre kleinen Sommergäste

 

 

Auf eigene Faust nach

 

Belarus im Mai 2008.

 

Hagen Schülke und Wolfgang Großklags aus Porta Westfalica erfüllten sich ihren lang gehegten Wunsch, ihre drei  kleinen Tschernobylkinder, Sveta, Kristina  und Irina , alle 11 Jahre alt, im fernen Weißrussland zu besuchen. Was sie erlebten, war abenteuerlich und herzergreifend zugleich.

“Was die Kinder auf sich nehmen, eine bis zu 30 Stunden dauernde Anreise aus allen Teilen Weißrusslands – das haben wir uns mit unserem Gegenbesuch auch zugetraut“ , so die beiden Weißrussland-Reisenden. Das Motiv für die lange Reise war vielschichtig. „Ein bisschen Abenteuerlust war auch schon  dabei“, gestehen die  beiden. Aber in erster Linie ging es ihnen darum, die Lebensbedingungen ihrer drei Gastkinder und deren Familien  kennenzulernen. 
Außerdem wollten sie aus eigener Anschauung erfahren, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse in dem letzten sozialistisch geprägten Staat Europas tatsächlich aussehen.
Die drei hellwachen, lebensfrohen und  patenten Mädchen aus Belarus waren schon einmal bzw. zum zweiten Mal zu Besuch in Porta Westfalica. Die Familien Schülke und Großklags haben die drei Kinder in ihr Herz geschlossen und die beiden Männer waren gespannt auf ein Wiedersehen in dem Heimatort der Kinder.

Der Nachtzug Berlin-Moskau brachte die beiden über Warschau nach Brest, wo sie in aller Herrgottsfrühe ankamen und von Svetas Eltern mit dem Auto abgeholt und  ins 30 km entfernte Dorf  Medno gefahren wurden. Sie übernachteten bei einem Deutschlehrerehepaar, deren 4 Kinder schon außer Haus waren. Die Wohnungen der Gastkinder waren zu beengt als dass dort Gäste aufgenommen werden konnten. Das Lehrerehepaar , das in der Gemeinschaftsschule des Dorfes tätig ist, betreibt im Nebenerwerb  Landwirtschaft, um über die Runden zu kommen. Vor Schulbeginn muss   Lehrer Gregory noch eine Kuh melken. Valentina, die Lehrerin, kümmert sich um den
Garten und stellt selbst Quark und Butter her. Zur Schule fahren sie mit dem Fahrrad oder gehen zu Fuß. Ein Auto können sie sich nicht leisten.  Die deutschen Besucher treffen ihre Gastkinder in der Schule und werden von ihnen mit großer Wiedersehensfreude begrüßt.

Hagen Schülke: „Die Schule ist nicht so komfortabel ausgestattet wie in Deutschland, hat aber auch einen Computer- , Chemie, -Physik- und Biologieraum und ein Sprachlabor, hier „Deutsch-Kabinett“ genannt. An der Schule herrscht Disziplin, was aber einen freundlichen Umgangston mit den Kindern nicht ausschließt.“ 

Zum Abendessen wurden die beiden Deutschen zu Irinas Familie eingeladen. Von außen habe  das Haus nicht besonders einladend ausgesehen, aber innen, dem hiesigen Stand entsprechend, sei es  gut eingerichtet gewesen. „ Es schmeckte alles vorzüglich. Von Kartoffeln, Saucen, Geflügel, Pelminis, verschiedene Salate. Es war alles reichlich vorhanden. Dazu immer wieder Trinksprüche: Auf die gute Hausfrau, auf die schönen Frauen von Belarus, auf die Freundschaft zwischen Deutschland und Belarus und endlich auch auf die Liebe.“

Am nächsten Tag waren die beiden Deutschen bei Svetas Familie zu Gast. Der Vater ist Cheffahrer des Direktors eines Erholungsheimes für Werktätige und auch für Tschernobylkinder. Die Einrichtung ist idyllisch gelegen zwischen Seen in einem großen Kiefernwaldgebiet. Wieder einmal bog sich der Tisch unter der Last der schönen Salate, Hähnchenteile, Fleischspieße und Fisch. Als Getränke gab es den frisch gezapften Birkensaft, von den beiden Deutschen „ Biodiesel“ genannt,  und den unvermeidlichen Wodka.

Einen Tag später war der Besuch bei einer der beiden Tschernobylkinder-Betreuerinnen, Deutschlehrerin Natascha, angesagt. Sie lebt im Dorf Powitj, nahe der ukrainischen Grenze. Nataschas Vater bearbeitete gerade mit einem Pferd einen Teil des Gartens. Er ist in leitender Stellung in der Kolchose tätig und auch Nebenerwerbslandwirt. Er füttert zwei Schweine bis zur Schlachtreife. Auch hier wird wieder wie überall auf dem Lande die Notwendigkeit sichtbar, möglichst viel aus dem Garten zu ernten.
In Powitj mussten die Gäste aus Deutschland  einer Familie  einen besonders  traurigen Besuch abstatten. Julia (12), die im vorletzten Jahr noch bei einem Pastorenfamilie in Porta Westfalica zu Gast gewesen war, ist von  Schilddrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium gezeichnet. „Man konnte ihr die Chemo-Therapie ansehen. Ihr früher schmales und hübsches Gesicht ist von den Medikamenten aufgedunsen. Die Überlebenschancen sind gering. Dann müsste ein Wunder geschehen,“ bedauert Wolfgang Großklags.

 

Minsk, die Hauptstadt von Belarus, war die letzte Station der Reise. Empfangen von zwei Tschernobylkinder-Betreuerinnen, erlebten die deutachen Besucher ein volles Sight-seeing –Programm. Die beiden Begleiterinnen sind trotz ihres jungen Alters schon in verantwortlichen Berufspositionen. Olga (23) ist Dozentin an der linguistischen Universität von Minsk und unterrichtet schon StudentenInnen in deutscher Sprache und Literatur, in deutscher Geschichte und aktuellen Tagesthemen. Sie wird mit 150 € entlohnt. Mit diesem Geld kann sie sich nicht einmal eine Ein-Raum-Wohnung leisten, sondern sie wohnt bei ihrer Mutter, damit sie überhaupt irgendwo wohnt. Tanja (27) geht es ebenso. Sie ist ausgebildete Deutschlehrerin und hielt den deutschen Gästen einen Vortrag über deutsche Grammatik, dass “ihnen die Ohren nur so klingelten“. „An einer Berufsschule in der Provinz arbeitend, verkümmern ihre Talente“, so Hagen Schülke.
Das Resumée: „Wir waren von der Deutschfreundlichkeit und der Herzlichkeit der weißrussischen Menschen völlig überwältigt. Wir wollen den Kontakt zu ihnen weiter pflegen und lebendig halten und darauf hoffen, dass in Lukaschenkos Regime sich
die politischen Verhältnisse im demokratischen Sinne normalisieren.“
Die Tschernobylkinderhilfe der Freien Waldorfschule Minden vermittelt gerne noch Kinder an Gasteltern, die im August ein Kind für drei Wochen aufnehmen möchten. Info –Tel. 05734 96040 oder 05706 849

 Quelle.:Hagen Schülke