"Erfahrungsberichte"

auf den Unterseiten findet ihr Erfahrungsberichte von unseren Gasteltern ,die schon ein oder mehrmals ein Gastkind aufgenommen haben

Tschernobylkinder

Freud und Leid liegen eng beieinander

Im Jahr 2003 hat unsere Schule ihre Fühler in eine Region unserer Erde ausgestreckt , wo das größte Atomunglück geschehen ist. In den radioaktiv verseuchten Zonen von Belarus leiden seitdem unzählige Menschen an den heimtückischen Folgen des Reaktor-Unglücks von Tschernobyl.

Karla Hoppe und ich seitens des Kollegiums und Familie Schmoller,Huhle,Herchert,Nott,Spilker und Schirmer von Seiten der Elternschaft – wir waren die Organisatoren bzw. Gasteltern der ersten Stunde und sind bis heute der Tschernobylkinderhilfe unserer Schule verbunden geblieben.Familie Schmoller hat seit dem ersten Jahr Irina Kusmina , damals ein 9 Jahre altes zartes gesundheidlich geschwächtes Mädchen jeden Sommer wieder eingeladen. Heute ist sie ein großes Mädchen , das sich gesundheitlich stabilisiert hat. Familie Schirmer hat mehrmals Irina Saftschuk eingeladen, die jetzt schon im 3.Semester Deutsch studiert und Deutschlehrerin werden möchte. Im Laufe der Jahre haben sich bei zahlreichen Gasteltern feste Freundschaften zu ihren Gastkindern und deren Familien herausgebildet. In diesem Jahr realisieren zwei Gastväter von Nicht- Waldorf-Familien den von vielen gehegten Wunsch, die Kinder und ihre Familien in ihrem Heimatland zu besuchen. Hagen Schülke und Wolfgang Großklags wagen die weite Reise und besuchen ihre kleinen Gastmädchen in dem kleinen Dorf Medno in der Nähe von Brest.

Für die Tschernobylkinder ist die Deutschlandreise eines der großen Erlebnisse ihrer Kindheit - ein prägendes Erlebnis. Sie lernen unsere Lebensgewohnheiten und unser Land kennen. Sie freuen sich natürlich darauf , ein bisschen von dem Wohlstand unserer Gesellschaft zu profitieren und hoffen, das eine oder andere schöne Geschenk mit nach Hause nehmen zu können. Doch in erster Linie geht es um die Erholung. Gutes Essen und frische Luft stärken ihr Immunsystem und macht sie weniger  anfällig für das „Tschernobyl - Aids“- diese fürchterliche Strahlenkrankheit, die immer noch die Menschen befällt.

Wenn wir gefragt werden, warum wir 22 Jahre nach der Reaktorkatastrophe immer noch Kinder einladen - die waren doch zu der Zeit noch gar nicht geboren - heißt die Antwort: der Boden ist immer noch strahlenverseucht.

Die Lebensmittel vom Trinkwasser bis zum täglichen Brot sind immer noch kontaminiert, d.h. mit der tödlichen Strahlung belastet. Die tägliche Dosis radio-aktiver Strahlung-mag sie auch noch so klein sein und von offiziellen Stellen des Staatsapparates verharmlost oder tot geschwiegen werden-summiert sich mit jeder Mahlzeit zu einer den Grenzwert um ein Vielfaches überschreitenden Größenordnung.

Wenn an der Tschernobylhilfe interessierte Menschen fragen „Die Kinder sehen doch gesund aus , oft wie das blühende Leben-sind sie wirklich krank?“ – dann antworten wir mit einem Gleichnis : Einem Apfel sieht man auch nicht an, ob in ihm schon ein Wurm nagt. Gerade solche befallenen Äpfel reifen oft früh, sehen schön aus. Aber von innen sind sie schon geschädigt und fallen früh ab. Um die Abwehrkräfte der Kinder zu stärken, laden wir sie ein und hoffen ,dass die Krankheit nicht durchbricht.

In diesem Jahr laden wir im Monat August wieder Tschernobylkinder nach Minden ein und hoffen, dass sie sich gut erholen und ihre Widerstandskäfte stärken. Wir würden uns freuen, wenn sich auch dieses Jahr wieder neue Gasteltern und Menschen finden, bei unserer Hilfsaktion mitzumachen.

 

Hartmut Karge   im Sommer 2008